UNSENSIBILITÄT ALS MITTEL ZUM ZWECK

 

IMMER NOCH:: SEX SELLS –

 

JAN BÖHMERMANN 16 04 2016::

 

Wieso ist das so, dass viele Menschen - incl. Jan Böhmermann – das Wort „ Kinderpornografie “ einfach so in den Mund nehmen können, ohne zu Fühlen oder darüber nachzudenken, wie SCHLECHT es den Opfern wirklich ihr Leben lang geht und wie es den Opfern geht, wenn sie in einem Gedicht, was sich gegen etwas ganz anderes richtet, erwähnt werden als MITTEL ZUM ZWECK ??

 

Wieso informiert sich fast niemand, der das Wort „ Kinderpornografie “ oder auch „ Vergewaltigung “ fast nebensächlich in den Mund nimmt über die Lage der Opfer usw.

Warum kann man das so sagen, ohne am Ende der Sendung zu erwähnen, dass Kinderpornografie total schlimm ist und es einem Leid tut ??

 

Warum kann man nicht einfach sagen: „ Herr Erdogan, so etwas wollen wir nicht “ oder sich selber durch den Kakao ziehen / benutzen ??

 

Wenn ein Kind in einem Kinderpornofilm mitwirkt, wird es oft vergewaltigt von Erwachsenen und das nicht nur einmal, sondern öfter, bis die Szene „ sitzt “.

Das ist unvorstellbar eklig ( ich wurde selber täglich und unzählbar oft in meiner Kindheit von unterschiedlichsten Männern vergewaltigt und gehöre zu den weniger vorkommenden Opfern, die sich an vieles genau erinnern können ), demütigend und auch SCHMERZVOLL.

Das gesamte restliche Leben dieser Kinder wird zerstört, ein normales, nettes Leben ist nicht mehr möglich.

Psychische Störungen führen auch oft zu beruflicher Unfähigkeit.

 

Es gibt auch etwas, was man „ Trigger “ ( engl. für Auslösereize ) nennt, nämlich, dass bestimmte Situationen oder Beschreibungen die Personen rückversetzen und leiden lassen im JETZT, als wäre es damals. Das Leid wiederholt sich also.

D.h.: wenn ich als Ex-Kinderpornodarstellerin auch nur halbwegs meinen Frieden mit dem Thema machen konnte ( was kaum geht ) und eine Satiresendung gucke, möchte ich AUF KEINEN FALL an meine fiese Kindheit erinnert werden, ohne, dass es im Mindesten darum geht, dieses Thema zu bearbeiten, zu erklären, zu bemitleiden, weiterzuverfolgen.

 

Jan Böhmermann nutzt einen von uns als „ Sachverhalt “ behandelten Zustand aus, um Aufmerksamkeit für sich und ein ganz anderes Thema zu bekommen.

Meiner Vermutung nach gedankenlos, denn anders kann ich mir das nicht erklären.

 

Das ist meiner Meinung nach ein als relativ normal angenommener Zustand der heutigen Mediengesellschaft, der mich total erschreckt, weil ich immer wieder merke, dass es immer nur um Rechtsfragen und Noch-mutiger-und-dreister-sein geht, aber gar nicht mehr um die einzelnen Punkte und fast nie um Opfer. Dreist sein und meist auch sexuell sein. Alles unter die Gürtellinie.

 

Es scheint auch so, dass man Menschen durch einen einfachen, ernstgemeinten Satz gar nicht mehr erreichen kann. ABGESTUMPFTSEIN ÜBERALL.

Ich habe bei Facebook Diskussionen gelesen und mich auch tw. beteiligt und es ging NIE um Kinderpornografie als Thema, noch nicht einmal nebenbei.

 

Es ist auch in unserer Gesellschaft kaum möglich, etwas auf verschiedenen Ebenen wahrzunehmen; hier wird jemand gefeiert, weil er sich gegen etwas auflehnt, was er für falsch hält und „ alle “ applaudieren und es fällt einfach unter den Tisch der „ Satire “, diese Brutalitäten aneinanderzureihen.

Das ist doch keine Satire, jemanden zu unterstellen, er sei Kinderpornoanschauer, sondern eine Geschmacklosigkeit den Opfern gegenüber.

 

Und es kann doch nicht ewig so weitergehen mit Gewaltspiralen, die immer auf dem Rücken der Schwächsten ( Kinderpornodarsteller, geschlagenen Mädchen, gefickte Ziegen ) etc. ausgetragen werden.

 

Auch ein Mann mit kleinem Penis wird nicht ständig darüber lesen wollen, dass das als schlecht oder unmännlich gilt. In seinem Sinnzusammenhang stellt Böhmermann auch „ Schwulsein “ als vermeintliche Beschimpfung dar.

D.h., Kinderpornos gucken ist genauso eine Beschimpfung wie schwul sein oder einen kleinen Penis haben.

 

Ich denke ja, Satire ist u.a. eine Form, Machtlosigkeit umzusetzen; darüber zu lachen, was schlimm und unaushaltbar ist;

aber Machtlosigkeit gegenüber Herrn Erdogan darüber versuchen, aufzulösen oder anzuprangern, auf wehrlosen Randgruppen herumzutrampeln finde ich mit eines der größten ARMUTSZEUGNISSE UNSERER MENSCHHEIT, DIE MIR SEIT LANGEM untergekommen sind.

 

Ich bin wirklich TOTAL entsetzt

über so eine Art von Gedicht

 

und menschlichem Umgang

 

und dass es gedankenlos gefeiert wird

 

und habe gestern aus hilfloser Wut angefangen,

„ SCHMÄHBILDER “ gegen dieses brutale Gedicht zu malen.

Relativ abstrakte Menschen, die ich mit in roter Farbe

getauchtem Ökotoillettenpapier beworfen habe,

um mich irgendwie abzureagieren.

 

 

© ANGELA MARKANTE 2017