23102017::

GENTRIFIZIERUNG - - -

DIE NEUEN ERZWUNGENEN NACHBARN::

 

Wir sind alt.

Wir haben hier schon immer gewohnt.

Als die ehemalige DDR hier diese

Hochhäuser gebaut hat,

waren wir alle heilfroh,

dass wir Wohnungen hatten.

Wir waren damals eine

Gemeinschaft und gleich alt.

Nach und nach sterben wir aus

und werden ersetzt von komischen

Menschen, die anders sind,

oft schnell wieder ausziehen

und anders leben.

Die Nachbarin unter uns wohnt

jetzt 3 Jahre hier und es hat uns

nie interessiert, was sie macht

oder denkt außer letztens,

als wir über den Mieter unter ihr

mit ihr lästern wollten.

Dass da die Polizei da war.

 

Aber sie sagte, der junge Mann

wäre eigentlich sehr nett.

Dann haben wir noch kurz über

Fernseher geredet, das war es dann.

Ich habe ihr verschwiegen, dass

ich / wir die lauten Nachbarn

über ihr sind.

Naja.

 

Wir haben hier schon immer laut

Fernsehen geguckt bis in die

Puppen.

Zimmerlautstärke nach 22h

wo gibt’s denn so was ?

Sie versaut uns unser Leben,

unsere lauten Fernsehgeräusche

stören sie und nach 22h will sie

gar kein Fernsehgeräusch mehr hören.

 

Wir haben hier schon immer laut

( was wir selber nicht merken,

weil wir alt und schwerhörig sind )

Fernsehen geguckt

und jetzt kommt diese blöde

Kuh und versaut uns unser Leben.

 

Gentrifizierung.

GENTRIFIZIERUNG BEDEUTET FÜR MICH . . . UND AM ENDE INSGESAMT ::

 

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In den letzten 6 Jahren 4x umziehen, weil immer wieder um mich rum laut Tag und Nacht Fernsehen guckende Nachbarn und für das Ordnungsamt zu leise.

Kommen aus der lauten Stadt die genervten Ordnungsleute;

kurz in meine Wohnung und hören nichts.

Sagen zu dem Schlagzeuger unter mir: ja, ja, Du hast ja Recht, wir tun so zu ihr, als ob sie Recht hat. Spielte aber nicht nur Schlagzeug wann er Bock hatte, sondern auch noch nachts Bass etc. . . Percussionsinstrumente.

 

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Immer mit Rentnern oder Arbeitslosen zusammenwohnen,

gegen die ich normal überhaupt nichts hätte -

die aber nichts zu tun haben und GLOTZEN

GLOTZEN

GLOTZEN

was das Zeug hält

und ein ganz anderes Verhältnis zu so etwas wie positiver Stille haben.

 

Die merken, dass ich irgendwie anders bin

und mich u.a. als „ Prenzlauer-Berg-Fotze “

beschimpfen, weil sie gar nicht merken,

dass ich genauso arm bin wie sie und

bestimmt nicht freiwillig in dieses bescheuerte

Haus gezogen bin.

 

Die sich unbewusst auf ein bestimmtes Lärmpegel

eingeschossen haben:

d.h.: jeder guckt so laut er will und wann immer

er will Fernsehen und niemand sagt etwas.

 

Die mich dann alle hassen und trotzdem nicht

leiser Fernsehen.

 

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In Bezirke ziehen, die überhaupt keine Kultur

oder kleine Läden haben.

Supermärkte, Spätkaufs, Nailscheiße.

 

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Nicht mehr wie früher auf dem Nachhauseweg

noch ein bisschen Kunst gucken in Galeriefenstern.

 

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Neuerdings:: Ekel vor den Nachbarn.

Wie sie mit mir redeten.

Wie sie hinter meinem Rücken mit den

bekannten Nachbarn über mich reden.

Wie es Ihnen egal ist und wie sie nach

dem Gespräch mit mir schwerhörig laut

über mich lästern und über mein

Anliegen lachen und sich dann überlegen

fühlen und gleichzeitig Angst haben,

dass ich doch Recht habe und sie

Arschlöcher sind.

 

Wie sie merken, dass ich keine Chance

gegen ihre Fernseher habe und das

ausnutzen.

Wie sie mit mir lästern wollten über

den arbeitslosen Säufer ( ca. 26 Jahre ) unter mir.

 

Wie sie trampeln und schon morgens brüllen.

Wie sie fast nie gemeinsam lachen sondern

eher Alltagsscheiße austauschen.

 

Neuerdings der Wunsch, sie mögen sterben,

ausrutschen auf irgendwas;

immer wieder die Überlegung nach Rache.

Sie sind ja so taub, was könnte sie dennoch

stören ?

 

Vielleicht::

Plakate auf dem Weg zum Supermarkt

auf denen steht:

Hilfe, meine Nachbarn sind fernsehsüchtige, taube Rentner ?

Musik laut aufdrehen, die sie anekelt oder nervt, weil zu

modern und experimentell ?

Laute Sexgeräusche, die sie peinlich mitanhören müssen

während sie Fernsehen. Den Krimi,

oder was auch immer.

Jedenfalls spätestens von 19h bis 23:30h durchgehend.

Am Tag leiser, etwas leiser.

Sie – die Frau - bewegt sich dann auch nicht mehr.

Sie wechselt nämlich nach 22h den Raum und ist dann

genau über mir. Da sitzt sie dann wie eine

fernsehguckende große Spinne in ihrem uralten

Großmuttersessel und glotzt und wünscht sich

Zeiten zurück, in denen sie noch früher

einschlafen konnte und nicht jeden Tag

spätestens um 6h lostrampeln musste.

 

In denen noch die zwei Kinder zu Hause waren

und sie mit Lebens- und nicht mit Fernsehsinn

versorgten.

 

Und dann tut sie mir kurz leid.

Aber nur noch kurz.

 

Und dann überlege ich, dass ich sie beide

da oben umbringen würde, wenn die Gesetze

anders wären; dass es mir egal wäre, weil sie

eh nichts mehr machen außer Fernsehen

und Trampeln und am Wochenende irgendwie so

etwas wie Möbel hin- und herschieben;

keine Ahnung, was sie da genau stundenlang machen.

Ev. putzt sie auch so ungeschickt, dass sie

ständig an die Möbel kommt . . . sie hört es ja nicht

und dass ich überleben muss und das auf Dauer

unter ihnen nicht schaffen kann.

 

. . . und ich war mal soooo friedlich und esoterisch . . .

Rachegedanken sind für mich neu. Hass. Ekel.

Ekel auch, wenn ich sie über mir reden höre.

Letztens habe ich dann, während sie Besuch hatten,

sehr laut Robbie Williams gehört und laut und schief

mitgesungen und versucht, ihren Wochenendkaffeescheiß

zu sabotieren. Fiese Gefühle.

 

 

Gentrifizierung.

 

Genrtifizierung bedeutet wie Kapitalismus, dass nicht die nettesten Menschen, oder die, die der Welt am besten tun durch Beruf oder was auch immer, sondern die Menschen, die am meisten Geld verdienen oder haben, das Beste bekommen, die aber ohne die anderen – Armen – gar nichts wären:

ohne Schuhe, ohne Heizung, ohne Wohnungen, ohne chice Kleidung, ohne witzige, interessante Kultur . . .

Auch meine ekelhaften Nachbarn werden früher in der ehemaligen DDR irgendwas nützliches geleistet haben, sonst würden sie nicht in diesen kleinen Wohnungen am Stadtrand wohnen, sondern besser . . .

 

 

Gentrifizierung.

 

Gentrifizierung bedeutet auch, dass die Reichen in der Stadtmitte wohnen können und umzingelt sind von den Armen. Die Armen, die laut Hartz4-Berechnungen pro Monat 25E für den Stadtverkehr ausgeben dürfen, wohnen dann immer weiter auseinander . . .

© ANGELA MARKANTE 2017